Styledarlings's Blog

Mai 18, 2010

Die Betroffenheitsbeauftragte oder: Wie Frau Ferres uns das Leben erklärt

Filed under: People — Schlagwörter: , , , , , , , , , — styledarlings @ 2:52 pm

Schauspielerin Veronica Ferres - Szenenbild Die Patin - RTL und Teamworxx

Seit gestern steht’s groß in den Blättern: Die Ferres dreht einen neuen Film. „247 Tage“ wird das Stück heißen und auf SAT1 zu sehen sein. Inhalt: Die Erlebnisse von Marco, dem Jungen aus Niedersachsen, der wegen einer angeblichen Vergewaltigung 247 Tage in einem türkischen Gefängnis saß. Ein Fall, der damals für großes Aufsehen in der Öffentlichkeit sorgte und den auch Veronica Ferres (39), laut Zitat auf http://www.bild-online.deganz intensiv“ verfolgt hat. Und weiter: „Unglaublich, was diese Familie durchlebt hat. Die Mutter, selbst eine Bewährungshelferin, musste ohnmächtig zusehen, wie ihr Sohn der Willkür der türkischen Justiz ausgeliefert wurde. Wie dem Liebsten, was sie hat, Unrecht widerfährt.“ Man wolle zeigen, wie es dazu kam, dass diese unbescholtene Familie – ohne Schuld und völlig willkürlich – nahezu ruiniert wurde, psychisch und finanziell, wird sie weiter zitiert.

Veronica Ferres wird die Mutter spielen. Eine „spektakuläre, schwere Rolle“ wie „bild-online.de“ meint. Eine Rolle also, wie sie zu Frau Ferres passt. Denn immerhin will sie, nach eigener Aussage „… die Menschen emotional … berühren, durch meine Filme die Menschen vielleicht zu mehr Toleranz, Rücksichtnahme, Gerechtigkeit und sogar Liebe zu bewegen.“ (Quelle: planet-interview.de).

Die Frau hat also eine Mission. Ein edles Anliegen. Sie will diese Welt ein kleines bisschen besser machen. Mit den Mitteln ihrer „Kunst“. Das erklärt einiges.

Wir kennen das von Frau Ferres. Ob nun als „Frau vom Checkpoint Charlie“, bei „Neger, Neger, Schornsteinfeger“, in „Kein Himmel über Afrika“ oder „Das Geheimnis der Wale“ – in den meisten Fällen hatte Frau Ferres im Interview zum Film eine Mission. Oft sahen wir sie danach auch gleich als Expertin in den Talkshows. Sehr schön beschrieben in „Schauspieler als Zeitzeugen“ von Jens Jessen (Die Zeit, 4.10.2007) über „Die Frau vom Checkpoint Charlie“: „ … Veronica Ferres bei Maischberger, Veronica Ferres bei Beckmann (oder war es Kerner?), Veronica Ferres bei Anne Will. Veronica Ferres als Expertin des DDR-Unrechts, Veronica Ferres als Zeugin des Frauenstrafvollzuges, Veronica Ferres als Stasi-Kennerin. Wenig fehlt, und die Westdeutsche Veronica Ferres wird sich als Gesicht der DDR, noch vor Erich Honecker, ins historische Gedächtnis graben.

Die Moderatoren der Talkshows hat es nur mäßig gestört, dass neben der prominenten Schauspielerin auch die wahre Frau saß, deren Schicksal sie im Film darstellt. Nicht dass diese Frau etwa wortkarg oder wenig präsentabel gewesen wäre aber man wollte doch von der glücklich überwundenen Diktatur lieber aus dem Mund eines schimmernden Stars hören als von der Unbekannten, an der noch das Grau der DDR zu haften scheint. Am schönsten nach den Gesetzen der Talkshows wäre es gewesen, wenn die Ferres das, was sie spielte, auch selbst erlebt hätte.“

Hat sie aber nicht.

Auf www.veronicaferres.de steht geschrieben, „Die Schauspielerin Veronica Ferres sagt über sich selbst, dass sie zwischen Leben und Schauspiel keine absoluten Grenzen ziehen kann.“ Liegt da vielleicht der Hund begraben? Identifiziert sich Veronica Ferres so stark mit ihren Rollen, dass gleichsam ein Sendungsbewusstsein mit einhergehen muss? Im Interview zu ihrem Film „Neger, Neger, Schornsteinfeger“ (Planet-Interview.de, 1.10.2006) sind Rassismus und Politik ihre Themen: Mir ist das Plädoyer gegen Rassismus sehr wichtig. Mit so einem Film hat man die Chance, eine politische Botschaft einem breiten Publikum näher zu bringen. An die Theorie, dass Theater oder Film die Menschen nicht ändert, glaube ich nicht. Ich denke, dass die Kunst die Menschen tief berühren und aufwühlen und zum Nachdenken bringen kann. Somit kann die Kunst schon im Kleinen etwas verändern und Meinungen prägen. Und wenn man als Schauspieler noch die Chance hat, durch eine Rolle politisch Stellung zu beziehen, was mir eine Herzensangelegenheit ist, dann ist das ein großes Geschenk.“

Aber – leider,  auch diesmal hat sie keine eigenen Erfahrungen, über die sie sprechen könnte, da zu spät geboren. Doch die Familie kann zum Glück aushelfen. Auf die Frage, wie sie sich „über das Drehbuch hinaus“ auf die Rolle vorbereitet hätte, sagt Ferres: „Durch den Roman, durch die Gespräche mit dem Autor Hans-Jürgen Massaquoi, durch Gespräche mit meinem Vater, der 1929 geboren ist und bei Kriegsbeginn zehn Jahre alt war. Er hat mir erzählt, dass sein Vater – also mein Großvater – sich geweigert hatte, der SS beizutreten und dann verraten wurde. Eines Morgens klingelten sie an der Tür und haben ihn als einen der ersten in den Krieg eingezogen und als Frontfutter verbraucht. Er kam dann nach einigen Jahren als Kriegskrüppel zurück und sprach kein Wort mehr in seinem Leben. Mein Vater musste deswegen schon mit 13, 14 Jahren die ganze Familie ernähren, da er der einzige Mann war. So hat dieses Drama auch die Familie meines Vaters zerstört.“

Das tut einem leid, wenn man das liest.

Wahrscheinlich ist es dieses – ihr – Sendungsbewusstsein, das die Ferres immer wieder zu den großen Themen treibt. Ende letzten Jahres kam „Unter Bauern – Retter in der Nacht“ für kurze Zeit in die Kinos, lief Anfang des Jahres im TV und zwischendurch auf verschiedenen Film-Festivals. Veronica Ferres spielt darin Marga Spiegel, eine Jüdin, die gemeinsam mit Mann und Tochter zwei Jahre vor den Nazis auf einem Münsterländer Bauernhof versteckt wird. Im Zuge der Film-Promotion betet Frau Ferres an der Klagemauer und wird dabei von der „Bild“ begleitet, der sie verrät, worum sie gebetet hat: „…, dass die Menschen in Versöhnung und Vergebung, in ihrer Vielfältigkeit und Unterschiedlichkeit in Frieden miteinander leben können.“

Dankeschön.

Zwei Monate später durfte Frau Ferres, weil sie ja die Marga Spiegel gespielt hat, dann auch die große Chanukka-Kerze am Brandenburger Tor entzünden. Der begnadete Henryk M. Broder schreibt darüber am 17.12.09 im „Tagesspiegel“: Dass Frau Ferres eine Chanukka-Kerze anzünden durfte, hat allerdings einen anderen Grund: Sie hat in einem ziemlich schrecklichen Melodram („Unter Bauern – Retter in der Nacht“) eine jüdische Holocaust-Überlebende gespielt und danach beschlossen, aktiv zu werden. „Es freut mich, wenn ich über meine Filme hinaus gesellschaftspolitisch etwas bewegen kann.“

Was natürlich sofort die Frage provoziert: Hätte Frau Ferres nicht eine Jüdin, sondern eine weibliche KZ-Aufseherin gespielt, was ja einer Schauspielerin durchaus passieren kann, hätte sie dann auch beschlossen, „gesellschaftspolitisch“ aktiv zu werden und sich der Frauen anzunehmen, die eine so unangenehme Arbeit in den Lagern verrichten mussten? Wir wissen es nicht, aber möglich wäre es, denn Schauspieler tendieren offenbar dazu, die Rollen anzunehmen, die sie mal gespielt haben.“

Womit wir im Prinzip wieder am Anfang wären. Wir sind gespannt, was wir über Bewährungshelferinnen und Mütter mit Söhnen in einem türkischen Gefängnis erfahren werden….

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3 Kommentare »

  1. Gut aber zu „nett“ geschrieben…die Frau geht ja nunmal gar nicht!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

    Kommentar von Philip — Mai 18, 2010 @ 4:42 pm

  2. Auf den Punkt gebracht. Schluchz, ich bin das Leiden dieser Welt… Aber ansonsten gehts mir saugut…

    Kommentar von Franca — Mai 18, 2010 @ 6:04 pm

  3. Mir kommen die Tränen vor lauter Rührung! Die gute Vroni! Gutmensch hat für mich dank ihr eine völlig neue Bedeutung bekommen.

    Diese Frau und ihr Gerede ist unerträglich. Sie kann genau zwei Gesichter „normal“ und „betroffen“, mit ihrer Sprechkunst ist es nicht weit her, warum also werden wir ständig mit ihr gequält?

    Super Blog übrigens!

    Kommentar von Melanie — Mai 19, 2010 @ 7:32 am


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